„Bloß keine Freude!“ – Die Deutschen und ihr Nationalfeiertag

(c) Zeitenstrom 2015

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Der 3. Oktober ist ein blasser Feiertag. Wer in die Kommentarspalten der Sozialen Medien schaute, sah vor allem eins: deutsches Genörgel. Dies ist eine Gemeinsamkeit, die durch alle politischen und weltanschaulichen Ansichten geht. Der eine beklagte, dass seit der Einheit man nur noch verarscht wurde. Der andere spricht von einer Annektierung Deutschlands. Ein anderer sieht das Ende des Abendlandes gekommen, da nun die Flüchtlinge unsere Kultur vernichten würden. Die Reaktion darauf? Genau wie damals müssten wir nun eine neue Einheit mit den Flüchtlingen darstellen. Nunja, unter Kaiser Augustus gehörten einige Teile des heutigen Deutschlands dem römischen Imperium an, ebenso das heutige Syrien. Ein weiterer merkt an, dass wir doch gar keine Kultur hätten.

Es ist zum Verzweifeln. Als ich noch in der Schule war, machte mein alternativ geprägter Politiklehrer eine Umfrage. „Fühlt ihr euch eher als…“

a) Kölner?

b) Rheinländer?

c) Deutscher?

d) Europäer?

e) Weltbürger?

Die Antworten waren interessant. Nahezu alle Kategorien wurden gleich verteilt von meinen Klassenkameraden angekreuzt. Nur eine Kategorie wurde nicht angekreuzt. Deutsch wollte keiner sein. Es ist ein typisches Paradoxon der Deutschen. Man ist gerne Kölner, Rheinländer, sogar Nordrhein-Westfale, vom Gemütszustand schon ein Widerspruch in sich, oder eben Europäer, aber deutsch will man nicht sein. Der Deutsche flüchtet gerne in die kleinste oder größte Ebene seines Gemeinwesens. Schon höre ich einige aufschreien: Die deutsche Geschichte verbiete es, dass man irgendwie deutsch sein sollte.

Aber nun gut, es geht hier um die deutsche Einheit. Kann man darauf stolz sein, als Teil unserer jüngeren Geschichte? Nein, bloß nicht. „Du warst doch gar nicht dabei“, sagt da manch einer zu mir. „Es ist doch immer noch alles schrecklich“. Ist es das? Das Renten und Löhne sich nicht in beiden Hälften Deutschlands angepasst haben, ist wirklich eine Schande? Aber warum wagt keiner den Blick aufs Ganze?

Zum ersten Mal in unserer Geschichte leben alle Deutschen vereint in einem freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat. Das Ausland respektiert uns, fürchten muss uns keiner mehr, auch wenn das einige Populisten hier und in manchen Ländern Europas wieder heraufbeschwören wollen. Ihre Stimme ist laut, aber wirkungslos. Das wiedervereinte Deutschland gehört zu den beliebtesten Ländern der Welt und dabei ist es erst ein Menschenleben her, dass dieses „Volk“ die schlimmsten Menschheitsverbrechen ausgeführt hat. Das Deutschland seit 1945 hat eine enorme Entwicklung getan. Darauf kann man im Rückblick schon froh drauf sein.

„Es ist doch bloßer Zufall, dass du hier geboren bist und nicht woanders!“ Mag stimmen. Aber hier bin ich nun einmal her. Auch wenn man mir meine niederländische Herkunft oft ins Gesicht hält um mich auszuschließen. Aber genauso hat doch keiner ein Problem Fan eines Fußballclubs zu sein, ist doch auch zufällig ausgesucht, keiner hat ein Problem stolz auf sein Viertel und seine Stadt zu sein. Ersetzen Sie, geehrte Leserin, geehrter Leser, mal die Worte „Köln“ oder „Kölle“ aus den Karnevalsliedern durch „Deutschland“. Cat Ballou sänge dann „et jitt kei wood dat sage künnt, wat ich föhl, wann ich an Deutschland denk, wann ich an ming Heimat denk!“, da wird auch mir mulmig, weil es ungewohnt und falsch klingt, so über Deutschland zu denken. Und auch Köln hat keine weiße Weste in der NS-Zeit gehabt. Die Aussage, dass das „katholische Köln“ sich nicht von Hitler einlullen ließ, ist eine Mär. Allein der Karneval hat sich mit seinem damaligen Antisemitismus unendlich schuldig gemacht. Dennoch wird er ausgiebig gefeiert und natürlich soll das auch so bleiben. Der Kölner Karneval steht zu seiner dunklen Vergangenheit.

Doch es war auch mal schlimmer. Denn vor der Wiedervereinigung 1990 gab es den 17. Juni als „Feiertag“. Das Beste an diesem Tag: Zu feiern gab es überhaupt nix. Es galt den Toten des Volksaufstandes in der DDR von 1953 zu gedenken. Also glich dies eher einer Trauerfeier? Mitnichten? Besonders in den 50er und 60er Jahren wurde das Ereignis bombastisch von der politischen Klasse gefeiert. Alle Schülerinnen und Schüler mussten an diesem Tag in Sonntagskleidung in die Klasse kommen, auch wenn der Feiertag auf ein Wochenende fiel. Anstatt einer schwarz-rot-goldenen Fahne, wehte eine schwarz-weiß-rote. Dort schwafelte der Lehrer vom kommenden Wiederaufstieg des Deutschen Reichs und wie heldenhaft er und seine Kameraden gekämpft hatten. Dabei bemerkten einige Schüler, dass der Lehrer, während er zu seiner Rede seine Arme schwang, eine merkwürdige Narbe über seinem linken Ellenbogen hatte. Nein, nicht das was Sie denken, er war kein Holocaust-Opfer, sondern Angehöriger der SS gewesen, die ihre Blutgruppe in den Arm tätowiert hatten. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches hatten viele versucht ihre Tätowierung eher schlecht als recht raus zuschneiden. Nach dem Krieg tauchten sie alle unter und lebten den Rest ihres braunen Lebens unbehelligt, oft, wie in diesem Beispiel, im Staatsdienst. Sie sehen, deutsche Nationalfeiertage waren auch schon einmal schlimmer als heute.

Doch die Distanz zu Deutschland bleibt. Als ich am Samstag zu einem Konzert zum Anlass der Deutschen Einheit ging, sang ein Chor samt Orchester Beethovens 9. zusammen mit Schillers „Ode an die Freude“. Aus gegebenen Anlass sang man Schillers Text auch auf arabisch und serbisch für die beim Konzert anwesenden Flüchtlinge. Beethovens 9. Sinfonie gilt als Europahymne und war gemäß der Deutschen Einheit vollkommen richtig am Platze. Die Nationalhymne spielte man jedoch nicht. Hätten Sie sich das in einem anderen Land vorstellen können, dass zum Nationalfeiertag nicht die Hymne gespielt wird? In den USA spielen sie vor jedem klitzekleinen Highschool Football-Game die Hymne. Auch wenn ich einigen Schulkapellen dringend mehr Übung im Treffen der Töne empfehle.

Da war sie wieder, der deutsche Wille, lieber Europäer als Deutscher zu sein. Mit Chor und Orchester hätte der Text von Fallersleben und die Musik Haydns bestimmt toll geklungen. Denn die in der dritten Strophe des Deutschlandliedes gesungenen Verse sind Werte, vor denen sich keiner verstecken muss: „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

 

 

 

 

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